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Lebensqualität durch Zahnersatz - bis ins hohe Alter!

11.11.2015 Ein Senior setzt eine Prothese ein und kann wieder Treppen steigen? Dr. Hideo Kawahara aus Japan, Spezialgebiet Prothesen, stellte dies fest. Die Ergebnisse sind beachtenswert, denn dass die Mundgesundheit ein wichtiger Teil für ein positives Allgemeinbefinden ist, steht außer Zweifel. Die Forschung im Bereich der Seniorenzahnmedizin macht auch neugierig auf die weiteren Ergebnisse.
Das Kuratorium perfekter Zahnersatz (KpZ) hat mit Professor Dr. Ina Nitschke, Leiterin des Bereichs Seniorenzahnmedizin der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkund der Universität Leipzig, Präsidentin der Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des KpZ über die neuesten Erkenntnisse der Seniorenzahnmedizin gesprochen.

KpZ: Der demographische Wandel beschäftigt die Gesundheitsbranche. Was vor Jahrzehnten nur vermutet wurde, wird aber Realität. Die Menschen werden sehr viel älter und die Lebensqualität soll so lange wie möglich erhalten bleiben. Eine aktuelle japanische Studie zeigt auf, wie wichtig die Mundgesundheit ist. Frau Professor Ina Nitschke, als Expertin für Seniorenzahnmedizin im wissenschaftlichen Beirat der Kuratoriums perfekter Zahnersatz, hat Sie das Ergebnis bei dieser oder ähnlichen Untersuchungen überrascht?

Prof. Nitschke: Zwar ist das Bewusstsein, wie wichtig gerade auch für Senioren die Mundgesundheit für das allgemeine Wohlbefinden ist, noch eher jung. Dennoch gibt es schon seit einige Jahren Untersuchungen und Studien, wie sich durch einzelne Maßnahmen die Lebensfreude wieder erhöht. Die Japaner forschen hier tatsächlich in viele Richtungen. Das dieses Jahr vorgestellte Ergebnis zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind. Das Bewusstsein Gesundheit und Lebensqualität in allen Bereichen ganzheitlich zu sehen, muss noch erheblich verstärkt werden. Vor allem müssen Strukturen geschaffen werden, dass wir unsere älteren Patienten nicht aufgrund von zunehmender Gebrechlichkeit aus der zahnmedizinischen Fürsorge verlieren und dann erst  wieder, Jahre später, als Pflegebedürftigen mit vernachlässigtem Gebiss wiedersehen.

KpZ: Körper und Geist als Einheit zu sehen, diese Erkenntnis ist eigentlich alt, wird aber manchmal in der Schulmedizin verdrängt. Die Studie beschreibt, dass das Kauen eine sehr wichtige Funktion übernimmt, um sich besser zu fühlen. Auch weil die Kaubewegung Hirnregionen anspricht, die für Gefühle zuständig sind. Kennen Sie das auch bei Ihren Patienten, dass diese sich allein dadurch, dass sie wieder richtig kauen können, gleichzeitig fitter fühlen?

Prof. Nitschke: Kauen ist nicht nur wichtig, damit die Nahrung ordentlich zerkleinert wird und keine Ernährungsprobleme auftreten. Durch Kauen kann tatsächlich der Blutfluss im Gehirn angeregt oder verstärkt werden und gerade bei älteren Menschen, zeigt sich hier manchmal zeitnah eine Verbesserung des Wohlbefindens. Die Studie stellt aber fest, dass durch die traditionellen Speisen in Japan nur wenig gekaut wird. Das ist normalerweise in Europa nicht ganz so extrem. Ein Zuviel beim Kauen kann wiederum auch ungesunde Auswirkungen haben. Effektiv kauen wir bei drei bis vier Mahlzeiten über den Tag verteilt insgesamt vielleicht 20-30 Minuten. Wenn man nun durch Kaugummi vielleicht auf stundenlanges Kauen kommt, kann das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur auch überbelastet werden. Dafür sind diese Strukturen nicht gemacht.

Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass jemand, der monatelang nur weiche Speisen zu sich genommen hat, Sicherheit und eine große Freude empfindet, wieder in ein Brötchen zu beißen oder einen Apfel zu essen. Da spielt die Psyche auch eine große Rolle.

KpZ: Wichtig ist bei einem langen Leben, besonders die Lebensqualität. Der japanische Zahnarzt stellt fest, dass dies durch eine bessere Mundgesundheit erreicht werden kann. Ein Rentner, fast schon bettlägerig, konnte durch neue Zahnprothesen plötzlich wieder Treppen steigen. Ist das eine realistische Aussicht, dass man durch die Arbeit von Zahnarzt und Zahntechniker so leicht eine bessere Lebensqualität erreicht oder sind das womöglich Ausnahmefälle?

Prof. Nitschke: Wichtig sind solche Studien schon deshalb, weil sie zeigen, dass oft durch kleine Maßnahmen ein sehr großer Gewinn für die Lebensqualität entsteht. Diese kleinen Maßnahmen sollten Standard sein, wie Vorsorgeuntersuchung und Zahnreinigung, guter Sitz der Prothese und Versorgung von Lücken. Natürlich kann es sein, dass es nicht nur die Prothese allein ist, die es dem japanischen Patienten ermöglicht hat, wieder aufzustehen und zu sprechen, aber das Wohlfühlen im Bereich des Mundes spielt ein wichtige Rolle. Und natürlich ist es die Aufgabe des Zahnarztes und des Zahntechnikers eine Versorgung für den Patienten herzustellen und einzugliedern, die so perfekt wie möglich sitzt und vom Patienten angenommen wird. Wichtig ist dabei auch, dass sie von ihm selbst oder dem Pflegepersonal gut gepflegt werden kann. Die Versorgung soll lange halten und muss eventuell bei einer veränderten Mundsituation auch wieder angepasst werden. Hier sind alle gefordert, aufzuklären, also Zahnärzte, Zahntechniker und Pflegende. Außerdem muss man klinisch versichern, dass die Prothesen gut passen. Denn gerade die heutigen Betagten und Hochbetagten hören irgendwann auf, sich zu beschweren oder eine Veränderung zu fordern. Sie leiden dann eher still. Das kann aber auch daran liegen, dass sie oft gar nicht wissen, dass die Zahnmedizin heute viele Möglichkeiten hat, um Abhilfe zu schaffen und einen perfekten Zahnersatz für ihre spezifische Mundsituation zu finden.

KpZ: Was sollte getan werden, um für die Senioren, Pflegebedürftige und Hochbetagte eine gute Mundgesundheit zu erreichen?

Prof. Nitschke: Es muss weiter aufgeklärt werden, jeder sollte sich äußern können, wie es ihm geht oder es sollte nachgefragt werden. Die Angehörigen und das Pflegepersonal müssen geschult werden, wie sie bei der Zahn- und Prothesenhygiene unterstützen können. Es sollten mehr Möglichkeiten bereitgestellt werden, damit Patienten in die Praxen können, z. B. Fahrdienste. Oder es müssten noch mehr Zahnärzte in Pflegeheime kommen, um Probleme vor Ort zu lösen. Gerade für mobil eingeschränkte Menschen ist es immer noch eine Herausforderung, ihre Mundgesundheit up-to-date zu halten.

Links:

Zum Beitrag der Ärztezeitung über Ergebnisse von Dr. Hideo Kawahara

Hier geht es zum Video mit einem Vortrag von Dr. Kawahara im Foreign Correspondents' Club of Japan

 

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